17.12.2007 18:42:17
Ein Jeff Wall hinterleuchtet an einer Wand. So gehört sich das.
Die Kunstmanager von der Deutschen Bank wollten mit der Ausstellung „
Jeff Wall – Belichtungen“ einen großen Coup landen. Er wurde beauftragt eine neue Ausstellung für die Deutsche Guggenheim zu errichten und ich bin mir sicher, man rechnete mit großen inszenierten Werken, auf denen mit schonungsloser Gewalt oder zumindest Offenheit nicht gegeizt wird.
Doch Jeff Wall machte eine völlig andere Ausstellung. Die Irritation kann man den Verantwortlichen bei den Eröffnungsreden (
Video) anmerken.
Diese Ausstellung ist ganz ruhig, zurückgezogen, wenn nicht fast schon verschlossen. Mehrheitlich schwarz/weiß-Aufnahmen mit Blick ins Soziale, ohne dabei eine klare Position zu beziehen. Auch diese Fotografien sind trotz des dokumentarischen Charakters alle gestellt und ...
14.12.2007 11:58:32
Drei Frauen leben in Kreuzberg. Sie kommen aus ganz unterschiedlichen Hintergründen und sehen den Stadtteil, der ihre Heimat geworden ist mit sehr verschiedenen Augen. Andrea Ebert (Foto), Patricia Folwarczny (Performances) und Lupe Godoy (Malerei und Collagen). Die Kunst soll nicht akademisch distanziert betrachtet werden, sondern engagiert und kontrovers aufgenommen werden. Es schien mir so, als wäre dabei die Katalyse über die Künstlerpersönlichkeiten im direkten Gespräch recht hilfreich. Diese Möglichkeit stand mir allerdings nicht zur Verfügung.
Zu sehen bei Miope in der Muskauer Straße.
07.12.2007 10:25:05
Sven Drühl, Falkenrot-Preisträger 2007
Im Künstlerhausbethanien werden meistens mehrere Ausstellungen zum gleichen Termin eröffnet.
Gestern Abend waren es drei sehr verschiedene Künstler/innen, die ihre Arbeiten in den Studios und im Hauptraum präsentierten.
Sven Drühl wird als Träger des Falkenrot-Preis 2007 im größten Studio 1 gezeigt. Seine Kunst soll als Appropriation Art verstanden werden. Er bezieht sich mit seinen Bildern also direkt auf Bilder von anderen bekannten Künstlern der Kunstgeschichte (Caspar David Friedrichs, Claude Monet u.a.). Er remixt deren Bildideen und Kompostitionen zu sehr sauberen, kühlen und im wesentlichen auf Outlines reduzierten Bildern. Motivisch ist er immer auf der Spur der Romantik. Künstlich überstilisiertes Landschaftsidyll ins Designer-Zeitalter transferiert. Damit liegt er mitten im ästhetischen Megatrend ...
25.11.2007 21:30:26
Ei auf Stahl an Struktur. Eine moderne Köstlichkeit.
Die
ganze obere Halle des Mies van der Rohe Baus ist mit einer riesigen Installation ausgefüllt.
Jannis Kounellis entwickelte diesen "Einbau" nicht im Atelier mit einem Modell, sondern er ging in der tempelartigen Halle herum und klebte mit Tapeband die Grundrisslinien für die später errichteten Metallelemente auf den Boden. Es ist also weniger ein Entwurf, als ein Entlauf. Motiviert ist dieses Vorgehen durch die Idee des mythischen Bauwerks des Köniks Minos, der in Knossos auf Kreta in einem
Labyrinth seinen Sohn den Minotaurus, halb Mensch halb Stier, versteckt bzw. gefangen hielt, damit dieser auf seinen Schrecken verbreitenden vier Beinen nicht entlaufen konnte. Schon die Antiken Schriftsteller waren sich nicht sicher, ob das Bauwerk je bestanden hatte und so gibt es auch die Deutung, dass die typischen Labyrinthlinien eher die Aufzeichnung eines Tanzes darstellen könnten. Auf solchen Pfaden tanzte Kounellis also durch die Neue Nationalgalerie und ließ hinter sich einen 2,35 Meter hohen Stahlelementgarten errichten, durch den die Besucher nun schlendern können, um den Raum, eine Auswahl von Kounellis Werken, die Arbeiten aus allen Schaffensperioden präsentieren, sich selbst, andere Besucher und die schrulligen Wärter zu erleben.
Kounellis sagt, sein eigentliches Thema ist die Metamorphose. Wenn man jetzt zur Tür der großen Glashalle eintritt, bemerkt man schon die erste Verwandlung. Die Luft ist anders. Durch die großen Mengen Stahl und Kohle "schmeckt" die Nationalgalerie anders als sonst. Wie eine ...
23.11.2007 12:06:22
Bei der Plakatierung in der Stadt hat man sich (oder uns?) die Entblößung des Körpers dann doch nicht ganz zugetraut.
Die Ausstellung von
Fotografien aus der Schweizer Privatsammlung von Thomas Koerfer läuft schon seit der Eröffnung des diesjährigen Art Forums. Nun endlich habe ich es auch mal geschafft, mir einen eigenen Eindruck zu verschaffen.
Sämtliche zur Ausstellung verbreiteten Texte beziehen sich auf die Darstellung des Körpers in der Moderne, doch diese Herangehensweise verstellt den Zugang zu den Werken mehr, als dass sie einem den Weg weist. Fast in keiner, der gezeigten Fotografien geht es nach meinem Verständnis um die Darstellung des Körpers. Wenn Körperlichkeit überhaupt das Thema der Ausstellung ist, dann ist es der Blick auf den Körper, der hier behandelt wird, aber noch viel mehr geht es um Empfindungen, Gefühle, Wünsche, Sehnsüchte, Phantasien, Provokation, Grenzüberschreitung und Macht bis hin zu Erniedrigung, Missbrauch, Schmerz und Gewalt. Bilder an der Grenze der Empathie. Es ist klar, dass die meisten Bilder starke Affekte auslösen, weil sie den Betrachter mit meist gut verborgenen Themen konfrontieren: Man wird hier der eigenen Scham (Darf ich hier guten Gewissens sein?), seinem Voyeurismus (Ist es wirklich nur Kunstgenuss anderer Leute Geschlechtsteile anzuschauen?) und natürlich seiner eigenen ...
13.11.2007 10:53:55
Zoya Cherkassky und Avdey Ter-OGANIAN The New Discourse Group "disobedience". Eine Attacke auf den Kunstbetrieb.
Im Bethanien am Mariannenplatz kann man derzeit Kunst volltanken. Interessant dabei, dass es wie an einer echten Tankstelle drei Qualitätsstufen (Diesel, Normal und Super) nebeneinander zu kaufen bzw. zu sehen gibt.
Es geht im Economy-Segment mit der juryfreien Kunst- und Verkaufsausstellung
Querschnitt 20 los, bei der mit Minimalabstand sämtliche Kunststile und artistische Experimente aufeinandertreffen. Künstlerischer Ausdruckswille im Vollkontakt in alternativer Atmosphäre. Allein wegen der Skurilität immer ein lohnenswertes Event und ein paar Perlen findet man immer.
Im Kunstraum Kreuzberg gibt es leistungsfähigen Kulturtreibstoff. Die Teilnehmerinnen des einjährigen Postgraduiertenkurses "
Goldrausch" zeigen in einer Abschlussausstellungen ihre Arbeiten. Insgesamt 15 Künstlerinnen füllen die verwinkelten Räume mit ...
07.11.2007 21:52:47
Gut geschnürt bei Nacht und Nebel
So hatten am 3.11.2007 50 Künstler, Galerien, Projekträume und mediale Experimente im Neuköllner Norden ihre Türen geöffnet. Wer sich nach der Ausstellung der Comic-Zeichnerin Lillian Mousli und der Präsentation von Schnürmiedern dann schließlich in Turbulenzen wiederfand, wusste, dass Fördermittelbürokratie und Kreativität ...
06.11.2007 11:23:23
Sicherheit zum Preis des Totalverlusts. Oder ist es die Erschaffung einer Skulptur?
Koffer nach der Sicherheitssprengung. "100 % SICHER" von Peter Kees.
Nach
Roman Signers wunderbarer Zündelei ist nun in den Ausstellungsräumen der NGBK die Ausstellung
"Achtung Sprengarbeiten!" zu sehen. Berlin steht künstlerisch in Flammen und das nicht nur, weil sich Wowi für den
trockeneren "White Cube", anstelle der feuchten "Wolke" als temporäre Kunsthalle auf dem Schlossplatz entschieden hat. (Halte ich im übrigen für eine richtige Entscheidung, denn auch in der Kultur ist sündhaft teure Symbolpolitik unzeitgemäß!) Nein, auch im Berliner Kunstverein NGBK kann es zur Zeit nicht genug krachen. Insgesamt 18 Arbeiten wollen Funken versprühen und Feuer an allerlei Lunten legen. Denn "Achtung Sprengarbeiten!" möchte das Phänomen Sprengung und seine gesellschaftlichen Implikationen von Macht und Ohnmacht erforschen. Dass eine Ausstellung der richtige Versuchsaufbau für eine Forschertätigkeit sein kann, darf man allerdings getrost bezweifeln. Man muss es als Kuratorengerede auffassen, denn Forschung ist etwas ganz anderes. Die Ausstellung kann zeigen, was die Künstler zu dem Thema ersonnen haben, und wir Besucher können diese Statements ansehen, versuchen zu lesen, und wenn man gutmütig ist, meinetwegen auch erforschen, im Sinne von nachvollziehen.
"Sprengung steht sowohl für gewaltsame Zerstörung, als auch für Befreiung und Freisetzung vormals gebundener Energien." Das ist auf der Website der Ausstellung zu lesen und es leitet die vier thematischen Bezugsfelder ein: Spektakel, Gefahrenzone, Intervention, Denkonstruktion. Im Bereich "Spektakel" kann man ...
29.10.2007 11:42:01
Christian Partos, Visp, 2000 Lichtinstallation, Moderna Museet, Stockholm© Christian Partos (Ausschnitt)
Dunkel ist es in den Räumen der Ausstellung
"Vom Funken zum Pixel". Denn Kunst besteht hier vor allem aus "Licht-machen", "Licht ins Dunkel bringen". Die Ausstellung steht aber nicht, wie man vielleicht meinen könnte, im Zeichen der aufklärerischen Informationsgesellschaft. Es geht weniger um Erhellendes, als um Erleuchtetes, um Wahrnehmungsexperimente mit digitalen oder analogen Möglichkeiten und in manchen Räumen driftet es etwas in ein Jahrmarktsspektakel ab. Thematisch sind die Werke vier Stationen zugeordnet, die die Beherrschung der verschiedenen Energieformen durch den Menschen markieren: Feuer, Elektrizität, Licht und Pixel. Dementsprechend bekommt ein Rundgang eine historisch-chronologische Dimension, die aber nicht vordringlich ist.
Es gibt gleich mehrere Licht- und Projektionskuppeln, Spiegelkabinette und verschiedene Varianten des 3D-Kinos, wo die Faszination bzw. der Spaß in der Nachbildung oder Überhöhung des realen Sehens mittels Projektionen, Polbrillen oder Ähnlichem ausprobiert wird. Also prima für Technikbegeisterte, die auch gerne auf die IFA gehen. Die Ästheten wenden sich anderen Ausstellungsobjekten zu, die zum Teil wirklich zauberhaft sind. Besonders, wenn die Technik eigentlich recht simpel ist, die visuelle Überraschung und das Vergnügen am Sehen aber umso größer wird. So z.B. bei
Christian Partos, der Leuchtschnüre mit einzeln anwählbaren LEDs über eine große, rotierende Spindel spannt. Auf den entstehenden Rotationskörper legen sich dreidimensionale Lichtmuster, die sich als ephemere Wesen oder Wolken ...
20.10.2007 15:26:47
Mike Kelly, Kandors, Installationsansicht
Courtesy of Mike Kelly and Jabloka Galerie
Gestern habe ich mal ausreichend Zeit mitgebracht, um den ganzen Galerien-Cluster Kochstraße 60 "durchzuarbeiten".
Zur Straße hin öffnet sich die Galerie Crone mit großen Fenstern zur Straße. Dort wir zur Zeit 25jähriges Jubiläum gefeiert und dem entsprechend sieht man eine Sammelausstellung der seither vertretenen KünstlerInnen. Das führt dazu, dass die Arbeiten wenig konzeptionell eingebunden sind und entsprechend auch kaum Zugänge zu den Werken der einzelnen KünstlerInnen geschaffen werden. Aber wozu auch? Die Namen hängen hier als Brands an der Wand. Norbert Bisky, Hanne Darboven, Alex Katz, Rosemarie Trockel, Jonathan Meese, um nur ein paar zu nennen. Also Kunst, die in den allgemeinen Kanon aufgenommen wurde, die nichts mehr leisten muss. Ganz apart: hier ist man unter sich.
In den Galerien im Hof und in den oberen Stockwerken ist es aber spannender. Da trifft man auf KünstlerInnen, die nicht alle schon mit großen Retrospektiven in wichtigen Museen zu sehen waren und hier kann man auch erknennen, was der ehemalige Chef-Kurator des Hamburger Bahnhofs Heiner Bastian bei seinem medial
aufgebauschten Abgang sagte: "Während die Museen die zeitgenössische Kunst
vernachlässigen, gibt es in Berlin mindestens zehn oder fünfzehn Galerien, die inzwischen Weltniveau haben und Künstler aus der ganzen Welt vertreten." Sieben davon residieren in unglaublich weitläufigen Räumen in der Kochstraße. Man kann ...
17.10.2007 19:54:54
Barbara Gerasch: Machogames, 2005, 62 x 72 cm
Da die
miope Galerie hier bei uns direkt um die Ecke liegt, ist ihre Präsenz auf Berlin-ist.de vielleicht ein bisschen überproportional, doch über diese Ausstellung lohnt es sich allemal zu schreiben.
Barbara Gerasch zeigt Bilder, die einen angehen. Sie kombiniert Tafelbilder, die sich motivisch auf Szenen aus dem Ego-Shooter Counterstrike beziehen mit ganz klassischen Häkeleien, die den Blick fragend auf den häuslichen Kontext lenken, von dem die Spieler solcher PC-Games normalerweise umgeben werden. Was für ein Pol der Gewalt strahlt da seine Kraftwellen in die Lebenswelt von Menschen, Kindern, Familien? Und wie leicht macht diese Malerei diese Spannung erfahrbar? Aktuelle Kunst versucht oft das Schöne mit dem abgründig Hässlichen zu verbinden, doch selten gelingt es so einfach, ungewöhnlich, und intelligent – ganz jenseits von allen bitter-süßen Klischees.
Da ist der kleinen Kreuzberger miope Galerie eine große Ausstellung gelungen.
Noch bis 25. Oktober in der Muskauer Straße 47.
09.10.2007 12:06:13